Das Schönste an einem Sonntag-Nachmittag: das Rookspiel mit Freunden. ©Horst MartensDas Schönste an einem Sonntag-Nachmittag: das Rookspiel mit Freunden. ©Horst MartensDas Schönste an einem Sonntag-Nachmittag: das Rookspiel mit Freunden. ©Horst Martens

Aus dem Archiv: Plautdietsch FRIND Nr. 27 / 2013

Foto: Das Schönste an einem Sonntag-Nachmittag: das Rookspiel mit Freunden. ©Horst Martens

Rook ist ein Kartenspiel, das bei Plautdietschen, vor allem aus Nord- und Südamerika, sehr beliebt ist. Das Spiel wurde sogar extra entwickelt für mennonitische Menschen, weil diese das Spiel mit Bildern (König, Dame, Bauer, As) als sündig empfanden und vom Teufel beeinflusst – so wie das Glücksspiel und das Kartenlegen.

Manche nennen es daher „Christliches Spiel“ oder „Missionar-Poker“. Die Rook-Karten wurden von Parker Brothers im Jahr 1906 in den USA und auch in Kanada eingeführt als Alternative zu den „weltlichen“ Standard-Karten. Das Rook-Deck besteht aus 57 Karten: eine Karte mit der schwarzen Krähe (der Rook) als Joker, sowie 56 Karten, aufgeteilt in den vier Farben schwarz, rot, gelb und grün. Sie sind nummeriert von eins bis 14.

Hier ist ein Bericht aus dem Jahr 2013. „El Pinguino“ schreibt über die Rook-Liga im westfälischen Bechterdissen. Heutzutage existiert diese exotische Liga wohl nicht mehr, weil die Spieler verheiratet und seriös geworden sind. Aber Rook wird trotzdem immer noch „seeha jedujcht“.

Die Rook-Spielregeln, hier auf Englisch, demnächst auch auf Deutsch: Rook (card game) – Wikipedia

Das beste Spiel der Welt

Aus dem Leben eines Rook-Weltmeisters

Guten Tag. Jetzt will ich mal ein wenig von mir erzählen. Schließlich bin ich siebenfacher Rook-Weltmeister, aber leider hat mir noch niemand dazu gratuliert. Liegt wahrscheinlich daran, dass niemand so richtig davon Notiz nimmt. Wie auch? Unser Rook-Kult-Club hat nicht die Medienpräsenz wie die Fußballbundesliga oder die Olympischen Spiele. Trotzdem haben wir jedes Wochenende die Meisterschaft ausgetragen. Angefangen haben wir, als ich etwa 16 Jahr alt war, das ist ein Alter, in dem man bei uns in die Jugend kommt. Die Kirchenjugend natürlich, denn man kann nur dann richtig Rook spielen, wenn man auch ein richtiger Mennist ist.

Die Verderbtheit des Kartenspiels

Man darf aber auch nicht zu fromm sein. Direkt neben unserer Vereins-Verfassung des Rook-Kult-Clubs haben wir auch ein altes Traktat hängen. Da steht alles über die Verderbtheit des Glücksspiels drin – daß nur Looser ihre Jugend mit dem Kartenspiel verschwenden und dabei niemals nicht Schätze im Himmel sammeln. „Aber manchmal ist es eben so, dass man für seinen Erfolg auch etwas in Kauf nehmen muss“, dachte ich mir so. Schließlich kann nicht jeder Weltmeister werden: Von Nuscht kommt Nuscht. Wir haben etwa fünfzehn Jahre hart trainiert. In Bechterdissen, der Welt-Rook-Hauptstadt. Bechterdissen ist für Rookspieler ungefähr das, was für Fußballspieler Barcelona ist. Das was Mekka den Moslems bedeutet. Und viel mehr. Das wimmelt hier von großen Rookspielern, so wie sonst höchstens noch in Neuland oder Winnipeg.

Kamikaze 99 ist ein Drecksverein

So wie überall auf der Welt, wo die Besten ihres Faches aufeinandertreffen, gibt es harte Konkurrenz. Immer kristallieren sich zwei Vereine heraus, die darum streiten, wer wohl der Bessere ist. Im Fußball sind das zum Biespiel Barcelona und Madrid, Bayern und Dortmund oder Olimpia oder Cerro Porteño. Auch der Rook-Kult-Club hatte einen harten Gegner, der an Verderbtheit nicht zu übertreffen war – Kamikaze99! Man kann den auch als zweite Liga bezeichnen. Als Drecksverein. Die spielten auch nur so zum Zeitvertreib ohne Anstand und Kultur. Das war ein Hohn für uns, dass die das Spiel überhaupt richtig begreifen konnten. Diese Dummbeutel!
Ich will die hier aber auch nicht zu schlecht reden, denn manchmal – in den liga-übergreifenden Pokalspielen – konnte das auch mal vorkommen, das einer von den Dummbeuteln gewinnt. Ja, das ist theoretisch möglich, obwohl niemand so richtig versteht, warum, schließlich sind wir erste Liga und haben das Spiel erst so richtig kultiviert.

Wir spielen den Gegner „domm en dämlich“

Bei uns kommt es an guten Spieltagen vor, das wir nur 180 oder 360 spielen, wir setzen auch schon mal 720. Uns musste sogar verboten werden, während des Karten-Verteilens in die eigenen Karten zu schauen, weil die Ersten, die eine Eins sahen, sofort „180“ riefen, die Nächsten mit einer Eins oder mit dem Rook hatten dann nur noch die Möglichkeit, auf 360 zu gehen. Das klingt etwas bekloppt – ist es auch! Aber ob ihr das nun glaubt oder nicht, genau diese Strategie war bei uns der beste Weg zum Erfolg, so wie das schöne Kurzpass-Spiel von Barcelona. Wir spielen den Gegner einfach „domm en dämlich“, wie wir plautdietsche Menniste sagen.

Wie Messi gegen Bielefeld

Das Problem war, dass unsere Spielstrategien überall anderswo direkt ins Verderben führten. Wenn ich zum Beispiel mit der Familie spielte und sofort beim ersten Spiel „180“ bot, ließen sie mich auflaufen. Selbst wenn man richtig gute Karten hatte, traute man sich nicht zu bieten. Das war eine große Herausforderung für mich, als Rookweltmeister auf einem alten Acker gegen diese schrecklichen Dorfspieler anzutreten. Aber das ist einfach nicht vergleichbar mit dem Spiel Messi mit Barcelona gegen Arminia Bielefeld. Klar, dass Bielefeld nicht ein einziges Tor nicht schießen würde. Offen bliebe nur die Frage, ob Barcelona zwei- oder dreistellig gewinnen würde. Bei mir ist es aber sogar möglich, als Rookweltmeister gegen irgend so einen Armleuchter zu verlieren, und der Armleuchter merkt nicht einmal, wie minderbemittelt er überhaupt ist. Glaubt mir. Das macht überhaupt keinen Spaß. Da spiele ich lieber mit den Profis, die wissen wenigstens, wie gut ich bin. Und jeder Meistertitel beweist immer wieder aufs Neue, wie gut ich wirklich bin. Wir sind im Besitz eines Pokals, auf dem alle Rook-Weltmeister verewigt sind, die seit nunmehr beinahe 20 Jahren fleißig für ihre Karriere gearbeitet haben. Ganz tolle plautdietsche Menniste, die wissen, an welcher Stelle das Herz schlägt. Wahnsinn, was waren das für schöne Zeiten!

Damit uns das Spiel auch nach Jahrzehnten viel Spaß machte, mussten wir die Regeln ständig verändern. Irgendwann haben wir zum Beispiel das Bieten verändert, indem wir – wie beim Pokern – Chips einführten. Jetzt musste man auch einen Chip bezahlen, wenn man 180 sagen wollte. Die Chips erhielt man aber nur, wenn man Spiele gewann. Damit werden dumme Spielweisen doppelt bestraft, und Menschen, die immer „ins Loch gehen“, können irgendwann nicht mehr bieten.

Wir machten uns auch neue Ereigniskarten: Die schönen Panzerkarten, die das Spiel der andern kaputt schießen konnten. Andere Regeln und Möglichkeiten: „Du musst ohne Trumpf spielen“ oder „Rot und Grün sind eine Farbe“. Deutschland, Russland, Paraguay, ist das schön, wenn du jemand so großartig reinlegen kannst.

Das Beste noch besser gemacht

So haben wir das beste Spiel der Welt noch ein bisschen besser gemacht. Das Problem aber bleibt, dass nur fünf Profis – meistens Weltmeister – in der Lage waren, diese schöne Spielweise zu spielen. Das ficht uns aber nicht an, solange es Spaß machte. Auch darin sind wir richtige Menniste.

Autor: El pinguino

Rook-Karten ©Wikipedia

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