Der große plautdietsche Autor Jack Thiessen ist gestorben

Oktober 11, 2022
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Bekannt für das Plautdietsche Wörterbuch und Kurzgeschichten

Der große plautdietsche Autor und Lexikograph Jack Thiessen ist am 9. Oktober mit 91 Jahren in Kanada gestorben. Das gab jetzt der Verein Plautdietsch Freunde bekannt. „Jack Thiessen (1931-2022) war der bedeutendste plautdietsche Lexikograph, der uns auch durch seine die mennonitische Welt widerspiegelnden Kurzgeschichten in Erinnerung bleiben wird“, betont sein Verleger Heinrich Siemens, der auch Vorsitzender der Plautdietsch-Freunde ist.

Thiessens umfangreiches Wörterbuch in Plautdietsch-Deutsch-Englisch, zuletzt im deutschen Tweeback-Verlag erschienen, ist ein wesentlicher Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der plautdietschen Sprache, die vor allem von Mennoniten mit russlanddeutschen Hintergrund gesprochen wird. Seine humoristisch-ironischen Kurzgeschichten sorgen bis heute nicht nur für Heiterkeit in den Familien, sondern werden auch gerne bei gesellschaftlichen Veranstaltungen vorgetragen.

Plautdietsch war sein Lebenswerk

Jack Thiessen wurde im April 1931 im kanadischen Manitoba in eine „plautdietsche“ Familie geboren und wuchs in der Nähe von Winnipeg auf. Nach Studium in Kanada schrieb er 1961 an der Universität Marburg in Deutschland seine Doktorarbeit über Plautdietsch. Die Beschäftigung mit der plautdietschen Sprache war hinfort sein Lebenswerk. In den 60-er und 70-er Jahren war er als Professor und Dekan maßgeblich am Aufbau des German Department der University of Manitoba und der University of Winnipeg beteiligt.

Jack Thiessen war nach Arnold Dyck der relevanteste plautdietsche Autor und erhielt noch im vorigen Jahr zu seinem 90. Geburtstag den Arnold-Dyck-Preis der Plautdietsch Freunde für sein Lebenswerk.

Mit seinen lustigen und ironischen Kurzgeschichten hat er uns gezeigt, dass die mennonitische Kultur nicht nur tiefernst und fromm sein muss. Jack Thiessen war ein außergewöhnlicher „Resserieta“ (plautdietscher Begriff für Geschichtenerzähler).

Ein außergewöhnlicher „Resserieta“

Für alle Wörter, für die wir abgewandelte hochdeutsche oder spanische oder russische Wörter einsetzen, hatte Thiessen zumeist ein plautdietsches Wort parat. Mit seinen lustigen und ironischen Kurzgeschichten hat er uns gezeigt, dass die mennonitische Kultur nicht nur tiefernst und fromm sein muss. Jack Thiessen war ein außergewöhnlicher „Resserieta“ (plautdietscher Begriff für Geschichtenerzähler). Die Geschichten waren bei einem Teil der Mennoniten sehr beliebt, stießen aber bei konservativeren Menschen wegen der oft rauen Sprache auf Ablehnung. Wie haben wir beispielsweise über die Kurzgeschichte „Saj Dankscheen, Peeta” gelacht, die bei fast jedem Plautdietsch-Abend vorgelesen wurde. Vom Papagei, der nicht reden will, dann aber die Schweine im Stall überfällt und mit seinem umfangreichen Wortschatz an plautdietschen Schimpfwörtern traktiert: „Saj Dankscheen, Peeta, du fulet Luda, … du domma Molotschna, … du MCC-Fulpelz.”
Oder „Tweeback toom Bejrafnis”: Onkel Jaunze liegt im Sterben. Seine Frau backt Tweeback. Einmal noch in seinem Leben will er dieses so beliebte mennonitische Gebäck genießen. Seine Frau aber weigert sich: „Die Tweeback sind für das Begräbnis gedacht, und dabei bleibt es!“, lässt sie dem Sterbenskranken ausrichten. In “Dittsied”, erschienen im Tweeback-Verlag (www.tweeback.com) sind über 100 solcher Geschichten versammelt.
Tausende plautdietsche Wörter, von denen viele schon in Vergessenheit geraten waren, hat Thiessen im Plautdietsch-Wörterbuch gesammelt. Zusammen mit Heinrich Siemens hat er diesen Wortschatz in einem 888-seitigen Lexikon in der fünften Auflage drucken lassen.
Lustig und typisch mennonitisch ist auch sein Buch „Predicht für haite“, in dem er Prediger in ihrem verschwurbelten Hochdeutsch sprechen ließ. So wie diesen: „Ich habe mit der Predicht für haite mal wieder ringen missen; ja, mir wollte kein Wort des Herrn nicht groß und wichtich werden und so wurde ich betriebt und verlejen in mainem Herz.” Ins Plautdietsche übersetzt hat er auch Kinderbücher wie den „Kleinen Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch oder „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann.

Verlust für die plautdietsche Kultur
Jack Thiessen lebte bis zu seinem Tod mit seiner Frau Audrey in New Both­well (Manitoba, Kanada). Mit ihm hat die plautdietsche Kultur einen großen Mann verloren.

Horst Martens

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