Am Anfang ist der Freier – die plautdietsche „Tjast“

November 23, 2023 , , , , ,
Eine mennonitische "Tjast" im Altai, Russland. Fotos: PrivatEine mennonitische "Tjast" im Altai, Russland. Fotos: PrivatEine mennonitische "Tjast" im Altai, Russland. Fotos: Privat

Die plautdietsche „Tjast“ – Teil eins

Eine mennonitische „Tjast“ im Altai, Russland. Foto: Privat

von Tatjana Klassner

Damit ein mennonitischer Junge ein mennonitisches Mädchen in Russland heiraten konnte, waren viele Schritte notwendig. menno-welt stellt heute den ersten Schritt vor, der heute in Vergessenheit geraten ist: das Freien.

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Schon in Russland überwältigte mich (Tatjana Klassner) die Neugier, alles zu sammeln, was mit dem Plautdietschen zusammen hängt und möglicherweise einmal verloren gehen kann. Das Material liegt bei mir zu Hause und wartet nur darauf, bearbeitet zu werden. Jetzt fange ich mal mit einem Thema an: Wie haben wir Mennoniten in Russland die „Tjaste“, die Hochzeiten gefeiert?

Das Wort „Tjast“ kommt von dem Wort „Kost“ und bedeutet ursprünglich „ein großes Essen“. Deshalb wurde nicht nur die Hochzeit eines Paares so genannt, sondern auch noch andere besondere Tage: „Schwienstjast“ – die Schweinehochzeit stand für das Schweine schlachten im November); „Fenstatjast“ – nach der Hochzeit lud das jung vermählte Paar alle Bauern des Dorfes und alle Helfer zum Mittag- oder Abendessen ins neu gebaute Haus. Zahlreiche Bezeichnungen gibt es zu unterschiedlichen Veranstaltungen: „Kestrolle Tjast“ (Töpfe-Hochzeit), „Lunzetjast“ (Klamotten-Hochzeit), „Doosetjast“ (Dosen-Hochzeit) etc.

„Ich hatte mal einen Freier“

Aber bevor überhaupt eine Hochzeit möglich ist, muss ein bestimmter Ablauf beachtet werden. Der erste Schritt ist das Freien. Die Initiative geht vom Mann aus, vom Freier. Und über den „Freier“ gibt es sogar ein plautdietsches Lied, das die Folkloregruppe „Die Lerchen“ aus Ebental im Altaj ausgegraben haben: Etj haud mol eenen Friea, jo, jo, etj haud mol eenen Friea een blitz blanka niea, jo, jo, jo, jo, jo,jo. (Ich hatte mal einen Freier, einen blitz-blanken Neuen).

Polewole, Altai: Die Folkloregruppe "Sonnestrohl" mit etwa 30 Darstellern in Barnaul auf einem Festival mit ihrem Stück "Plautdietsche Tjast". Auch Tatjana Klassner, die Autorin dieses Artikels, ist dabei - siehe grüner Pfeil, 1. Reihe links.
Polewole, Altai: Die Folkloregruppe „Sonnestrohl“ mit etwa 30 Darstellern in Barnaul auf einem Festival mit ihrem Stück „Plautdietsche Tjast“. Auch Tatjana Klassner, die Autorin dieses Artikels, ist dabei – siehe grüner Pfeil, 1. Reihe links.

Eltern haben mehr als ein Wörtchen mitzureden

Der junge Mann suchte sich eine Frau zum lieb haben und zur Gründung einer Familie. Er war auf der Pirsch nach einem arbeitsamen Mädchen, das alle Tätigkeiten beherrschte, die auf einem Bauernhof anfielen. Auch das Mädchen wollte natürlich einen fleißigen und kompetenten Mann. Die Verliebten trafen sich zweimal wöchentlich, am Mittwoch und am Sonnabend. Und Sonntags in der Kirche. Hatten zwei junge Menschen Gefallen aneinander gefunden und wollten heiraten, hatten die Eltern ein Wörtchen mitzureden – und häufig mehr als ein Wörtchen. Kurz und gut: Die Eltern verheirateten die Kinder.

Im Maisfeld Schlopbloomtjes pflücken

Es waren zweckmäßige Ehen, die da angebahnt wurden. Miteinander schlafen durften sie erst nach der Heirat. Über Sexualität wurde nicht geredet. Bei uns im Dorf wohnte ein Peter Voth, der eine Frau aus einem anderen Dorf hatte. Die Frau hat mal berichtet, dass sie nach der Hochzeit, als sie mit ihrem Mann zum ersten Mal ins Bett ging, nicht gewusst hätte, warum es zwei Geschlechter gibt. Danach hat sie verstanden, warum Mann und Frau zusammen gehören. Unsere Generation wusste hingegen schon, was zwischen Mann und Frau vor sich ging und woher die Kinder kamen. Als Kinder beobachteten wir verliebte junge Paare und lachten über deren seltsames Verhalten. „Dee sent em Kukurus Schlopbloomtjes pletje jegohne“ („Die pflücken Schlafblumen im Maisfeld“) hieß es dann immer zweideutig, aber wir verstanden diese Anspielung nicht. Als mir ein Junge berichtete, dass seine Eltern nackt schliefen, habe ich mich total über solche Schamlosigkeit aufgeregt.

Freien am Donnerstag

Ja, schön ist die Jugend, und in dieser Zeit fängt das glückliche oder unglückliche Leben an. Das ist eine göttliche Verordnung, über die viel in der Bibel nachzulesen ist. „Bitt dem Doot, opp emma toop, eena fe aundrem lewe.“ (Bis zum Tod, immer zusammen, einer für den andern leben). Und der Anfang davon ist jener Tag, an dem der junge Mann ein „Meatje“ (Mädchen) gefunden hatte, das ihm mehr bedeutete. Dann ging er freien zumeist an einem Donnerstag.

Lerne die Frau in Alltags-Kleidern kennen

„Lerne die Frau in den Alltagskleidern kennen und nicht im Sonntags-Staat“, wurde gesagt. Einen großen Wert wurde auf den Glauben gelegt. Der Partner musste der gleichen Konfession angehören. Georg Hildebrant schrieb in seinem Buch „Wieso lebst du noch?“: „Mit den Russen aus den Russendörfern kamen wir gut aus. Aber nie würde ein Deutscher (Mennonit) eine Russin heiraten. Unsere Jungs suchten sich Bräute in der eigenen Gemeinde. Auch mit Katholiken und Lutheranern mischten wir uns nicht. Es war nicht so, dass die Religionsgemeinschaften sich schlecht vertrugen, aber geliebt wurde separat, jeder für sich.“

Wie der Vader so die Ader

Wenn jemand freien ging, wusste das ganze Dorf Bescheid. Häufig legten die Jugendlichen den Weg vom Bräutigam zum Braut mit Stroh aus. Der Freier stellte sich vor die Eltern und hielt um die Hand der Tochter an. Die Eltern kannten den Kandidaten meistens. Es war wichtig, aus welcher Familie man stammte. „Woo daut Vodatje, soo daut Odatje“ („Wie das Väterchen, so das Äderchen“) wurde gesagt. Faule oder gar unseriöse Jungen wollte kein Meatje zum Mann haben. Wenn der Freier die junge Frau nicht kannte, nur von ihr gehört hatte, fuhr er zur betreffenden Familie, um sie in Augenschein zu nehmen. Er zog sich den Sonntagsstaat an, brachte seine Stiefeln auf Hochglanz und wenn er weder das eine noch das andere hatte, lieh er sich Sonntagsstaat und Stiefeln aus. Wenn er dann vor den Eltern stand, linste das beworbene Mädchen gerne durch einen Türspalt, um zu sehen, wie sich der Freier aus der Affäre zog.

Sie zog sich „straum“ an und kämmte sich

Fand sie Gefallen an dem Mann, der um ihre Hand anhielt, zog sie sich „straum“, also hübsch, an, kämmte ihre langen Haare und flocht sie zum Zopf. Wenn der Freier Eindruck gemacht hatte, gingen die Eltern zur Tochter und erkundigten sich, ob sie mit dem Mann einverstanden sei. Sie half dann ihrer Mutter beim Tisch decken. Schnaps und Wein wurden aufgetragen, aber mehr als ein Gläschen genehmigten sich die „Mannsleute“ nicht – die Frauen enthielten sich, so wie es sich gehörte. Und wenn beide Seiten sich die Hände gereicht hatten, wurde die Verlobung geplant.

Tjeena huppst hecha auss sien ejna Kopp

Jeder suchte sich einen Partner, der seinem sozialen Level entsprach. Ein reicher Freier suchte sich eine begüterte Frau. Niemand „hüpft höher als sein Kopf“ hieß das Sprichwort dazu. Wenn es mal passierte, dass ein Armer sich in eine Reiche verliebte, endete die Verbindung zumeist unglücklich. Es gab auch hochnäsige Mejales, die allen Kandidaten eine Abfuhr erteilten. Die blieben gewöhnlich „auf dem Stumpf sitzen“ oder blieben „oole Mejales“. „Oole Jungfrues“ bekamen zuguter letzt höchstens einen Witwer mit Kindern zum Ehemann. Diese Chance tat sich häufig auf, denn die Sterblichkeit von Schwangeren war ziemlich hoch.

Die Probleme der Konkurrenten aus dem Nachbardorf

Wenn sich Heiratswillige von außerhalb nach einer geeigneten Partnerin umsahen, bekamen sie Probleme mit den Konkurrenten des Nachbardorfes. Es kam vor, dass seine Droschke mit Kuhmist bestrichen und das Pferdegeschirr zerschnitten wurde. Die häufigere und weniger drastische Variante: Hinten an der Droschke banden die Konkurrenten einen Korb an – als abschreckendes Zeichen, dass die angebetete Frau ihm „einen Korb geben sollte“. Und so musste der junge Mann durchs ganze Dorf nach Hause fahren. Die Scham war so groß, dass er er sich nie mehr blicken ließ. Konnte aber auch passieren, dass der Freier aus dem Nachbardorf nackt und verkehrt herum aufs Pferd gesetzt und nach Hause geschickt wurde. Häufig waren Konkurrenz und Eifersucht der Grund für brutale Schlägereien. An das Prinzip der Wehrlosigkeit dachten diese Testeron-Machos nicht.

Die heiße Katze wird vom Tisch gewischt

Solche Geschichten wurden erzählt: Ein Mädchen fand wegen ihrer Kurzsichtigkeit keinen Mann. Auch im Nachbardorf war ein Suchender, der keine Partnerin finden konnte. Diese beiden sollten verkuppelt werden. Der „Jüngling“ wurde zum“Vaspa“ („Vesper“) eingeladen. Der Freier und das Meatje saßen im Tisch gegenüber. Die jüngste Schwester stellte die Kaffeekanne auf den Tisch, und die junge Frau, die verheiratet werden sollte, dachte, die Katze sei auf den Tisch gesprungen und wischte sie reflexartig mit der Hand weg. Mit verbrannten Beinen und Blasen an den Füßen trat der bemitleidenswerte Freier den Rückweg an.

Unverheiratet und schwanger

Wenn eine unverheiratete Frau ein Kind erwartete, war die Schande für die ganze Familie groß. Das Tor der Hofeinfahrt wurde mit einer übel riechenden Paste beschmiert. Und der armen Schwangeren banden die Jugendlichen den Rock über den Kopf zusammen und ließen sie so laufen.

Über 20 – schon zu alt

Zumeist heiratete die Mennonitenbrut schon sehr jung, zwischen dem 18. und dem 20. Lebensjahr. Wenn die Jugendlichen über 20 und immer noch ledig waren, ging die Angst rum, dass sie überaltert waren. Zunächst wohnten die Jungverheirateten zu Hause bei den Eltern, aber nach einiger Zeit suchten sie sich ein eigenes Zuhause.

Arnold Dycks „Freier“

Das Freien unter Mennoniten hat der Schriftsteller Arnold Dyck wunderbar in dem Kult-Stück „Dee Friea“ beschrieben.

Demnächst folgt ein Bericht über die mennonitische Verlobung und den Polterabend. – Dieser Bericht erschien etwas umfangreicher auf Plautdietsch in Plautdietsch FRIND Nr. 30

Ein Gedanke zu „Am Anfang ist der Freier – die plautdietsche „Tjast““
  1. Ich bin kein Sprachwissenschaftler, aber warum sagt man, dass Plautdietsch die Sprache der Mennoniten ist? Meine Großeltern waren Lutheraner; mein Großvater ein Wolgadeutscher, der bereits vor meiner Geburt verstorben ist, und meine Oma war aus einem lutherischen Dorf, das zu den „Planer-Kolonien“ bei Mariupol gehörte. Die Kolonie bestand aus mehrheitlich lutherischen, aber auch katholischen Dörfern. Tatsächlich wurde nur innerhalb der eigenen Konfessionen geheiratet. Außerdem gab es in der Nähe auch mennonitische Kolonien bzw. Dörfer. Meine Großmutter, wie oben bereits erwähnt, war Lutheranerin, aber die Lutheraner haben auch Plautdietsch gesprochen. Ich weiß noch wie meine Oma sagte: „Tjeena, wo go ju don han?“ = Kinder, wo geht ihr denn hin?; Oder: „Tjirch“ = Kirche; „Etschoke“ = Kartoffeln; „Baklajoune“ = Tomaten; „Welschkorn“ = Mais; „Neidus“ = Nähdose. Die Vorfahren meiner Großmutter kamen ursprünglich aus Westpreußen; das waren keine Mennoniten, sprachen aber Plautdietsch und haben sich in diesem Dialekt auch mit Mennoniten unterhalten. Die Vorfahren meines Großvaters stammen aus Lothringen (heute Frankreich).

    Vielleicht weiß ja jemand, wo der Unterschied zwischen dem Plautdietsch der Mennoniten und dem „lutherischen Plautdietsch“ liegt?

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