Das außergewöhnliche Leben des Jack Thiessen

Jack mischte beim Jetset mit: Hochzeitsfeier mit Rainier und Grace Kelly, Smalltalk mit Prinz Philip

Wie gerne würden wir jetzt in einer Biografie von Jack Thiessen (14.4.1931-9.10.2022) schwelgen und uns über seine skurillen Anekdoten und besonderen Ereignisse aus seinem Leben amüsieren und über seine erstaunlichen Lebensleistungen staunen. Leider gibt es diese Lebenserinnerungen nicht.

„Ein überlebensgroßer mennonitischer Bauernjunge“

Aber die eine oder andere Besonderheit aus dem Leben von Jack Thiessen bringt jetzt auch ein Artikel von Adi Loewen zutage, veröffentlicht am 19. Oktober in der steinbachonline. Loewen nennt seinen umfangreichen Beitrag „Gedenken an einen überlebensgroßen mennonitischen Bauernjungen aus Grunthal“.

Mit Informationen gefüttert wird Adi Loewen von Ernest Braun, einem mennonitischen Historiker und Wegbegleiter von Jack Thiessen. Vieles was uns Ernest Braun über Jack Thiessen berichtet, war uns schon bekannt – nachzulesen in unserem Nachruf oder bei Wikipedia.
Jacks Kindheit auf der Farm, Universität in Manitoba, Promotion an der Universität Marburg in Plautdietsch, Herausgabe eines plautdietschen Wörterbuchs, Veröffentlichung von Kurzgeschichten und vieles andere haben wir das eine oder andere mal gehört.

Fürstenhochzeit in Monaco

Aber darüber hinaus existieren noch einige biographische Lücken, die Ernest Braun aufdeckt: Jack Thissen hatte nach dem Besuch des College festgestellt, dass in Deutschland ein großes Bedarf an Englischlehrern bestand. Also bewarb er sich und bekam den Zuschlag. Ab Mitte der 50-er unterrichtete er in Deutschland Gymnasiasten in Zweitsprache. Aber dann legt Thiessen ein wahrhaft erstaunliches, zwangloses, nicht-mennonitisches Leben ein, wie Braun zitiert wird: „Während der Sommer in Europa, wenn er nicht gerade unterrichtete, wurde er von Aristoteles Onassis als Programmdirektor auf seinen transatlantischen Schiffen angestellt, mit denen Thiessen etwa 40 Überfahrten machte. Dabei lernte er jede erdenkliche Berühmtheit der Welt kennen und wurde zur Hochzeit von Fürst Rainier III. von Monaco und Grace Kelly eingeladen. Er nahm an der Hochzeit teil und lernte dabei Prinz Philip, den Ehemann der jungen Königin Elisabeth, kennen“. Braun sagt, Jack Thiessen war ein Weltenbummler und Kosmopolit. „Er fühlte sich in fast jedem Umfeld wohl, sei es in der Wissenschaft, in der Gesellschaft, in der Justiz, in der Landwirtschaft oder in der Politik, aber in seinem Herzen war er ein Bauernjunge.“

Der lebensrettende Elch bei der Alaska-Tour

Wenn ich diese Jetset-Geschichten höre, dann glaube ich auch beinahe wieder an die folgende Schmonzette: Ich (Horst Martens) begegnete Jack Thiessen in den 80-er Jahren in Kiel, wo er eine Gastprofessur für kanadische Literatur innehatte. Strubbeliges Haar, eine Schiebermütze auf dem Kopf, eine Pfeife im Mund. Abends war eine Party. Jack Thiessen und sein Professoren-Kollege, der Volkskundler Ulrich Tolksdorf beherrschten den Abend mit ihren spannenden Humoresken über und aus Alaska. In der klirrenden Wildnis waren sie kurz vor dem Erfrieren, so berichteten sie, als ein Elch vor ihren Lauf kam. Mit zitternden Händen legten sie an und trafen überraschenderweise. Das erlegte Tier weideten sie aus und legten sich in den ausgeweideten, aber noch warmen Kadaver. So überlebten sie.

Mir kam die Geschichte ein wenig übertrieben vor. Nachher fragte ich bei einem Freund nach, der die beiden Geschichtenerzähler besser kannte. Komplett ausgedacht, sagte der. Weder Tolksdorf noch Jack waren jemals in Alaska.

Horst Martens

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