Der weiße Enlhet ist gestorben

Hannes Kalisch vor einem Mikrofon. © Colonia NeulandDie Medien interessieren sich für das Engagement von Kalisch. ©Colonia Neuland

Nach schwerer Krankheit ist der Indigenen-Aktivist Hannes Kalisch am 23. Juli 2023 gestorben. Er war im Chaco Paraguays ein Kämpfer für die Rechte und Belange der Ureinwohner der Enlhet und anderer Ethnien. Mit den Indigenen entwickelte er Strategien, das „Eigene“ wiederzufinden.

Positive Kritiken erhielt Kalisch für sein Buch “Wie schön ist deine Stimme”, in der alte Enlhet zu Wort kommen, die zu einer Zeit geboren wurden, als noch keine oder nur wenige Weiße im Land der Enlhet lebten. Die Erzähler bezeugen anhand spannender Darstellungen das Zusammentreffen mit den mennonitischen Einwanderern. Die Indigenen erhalten in diesem Buch eine Stimme, zum ersten Mal sprechen sie über ihre eigene Geschichte. 

+++ Reportage aus dem Jahr 2009 +++

Der weiße Enlhet

Little Big Man“ und „Der mit dem Wolf tanzt“ haben es vorgemacht: Sie lebten unter Indianern, lernten die fremde Sprache, verliebten sich in eine Eingeborene. Mitten im Chaco-Busch, einer unwegsamen Ebene zwischen Paraguay-Fluss und Anden, sind wir ebenfalls auf der Suche nach einem „weißen Indianer“. Sein Name: Nein, nicht „Weiße Feder“ oder „Der mit den Güteltieren schmust“, sondern ganz unspektakulär deutsch-westlich: Hannes Kalisch. So wie es in seinem Personalausweis steht.

Kalisch ist ein Mann der heutigen Zeit. Zu erreichen über Festnetz, E-Mail oder Skype. In einem Team betreibt er eine eigene Homepage (www.enlhet.org). Und er versteckt sich auch nicht im dichten Dornenbusch. Aber auf unsere Interviewwünsche reagiert der „weiße Indianer“ am Telefon zurückhaltend. Ein Vorgespräch soll alles klären.

Sonntag Nachmittag. Unser Wagen windet sich durch die sandigen Straßen des Siedlungszentrums „Campo Largo“. Ein zerbrochenes Ortsschild zeigt „Colonia siete“. Rechts und links neben uns huschen Hütten aus Lehmziegeln, Backsteinen und manchmal nur aus Stroh vorbei. Aber auch hin und wieder eine Satelitten-Schüssel, die Globalisierung hat Einzug gehalten. Wir sind im Enlhet-Land. Die Enlhet sind die wahren Ureinwohner, alle anderen Chaco-Bewohner haben Migrationshintergrund: Die plattdeutsch sprechenden Mennoniten, die spanischsprachigen Paraguayer, aber auch die Indígenas vom Volk der Nivaclé und der Guaraní sind hier alle vor noch gar nicht langer Zeit eingewandert.

Bitte keine Personality-Show

Kalisch, dunkelblonde Haare, blaue Augen, freundliches Lächeln, athletischer Typ, begrüßt uns vor einem Backsteinbau, in dem er mit seiner Enlhet-Frau und zwei Kindern lebt. Das Gespräch wird nicht ganz einfach: Er muss sich zwischendurch immer wieder um sein erkältetes Kind und um ein haarloses Ameisenbär-Baby kümmern. Das Kind braucht Milch, der Ameisenbär Wasser und wir einen gemeinsamen Standpunkt. Denn einen Artikel, der plakativ auf ihn zugeschnitten ist, lehnt er ab. Nein, bitte, keine Personality-Show. Wenn überhaupt, dann sollen die Enlhet und sein Anliegen in den Mittelpunkt gerückt werden.

Foto: Hannes Kalisch und das Gürteltier. Foto: Thomas Schmidt

Das endgültige Gespräch findet eine Woche später statt, in der Indianer-Siedlung Yalve Sanga, wo Kalisch mit seinen Mitstreitern ein Büro führt. Dort nimmt uns erst einmal Ernesto Unruh in Empfang, an dem uns zweierlei irritiert: Sein deutscher Name, obwohl er eindeutig Indigener ist. Und der Fakt, dass Kalisch von ihm als seinen Vater gesprochen hatte. Beides klärt sich später: Kalisch, so weit entfernt von seinen leiblichen Angehörigen lebend, wurde in Yalve Sanga von Unruh adoptiert. Den Namen „Unruh“ hingegen habe er, Ernesto, von seinem Vater übernommen, der sich nach einem weißen Siedler benannt habe.

Auf einem großflächigen Hof stehen ein paar Stühle. Hunde laufen umher, Hühner gackern. Der Tereré, ein eiskalter Mate-Tee aus dem Kuhhorn, lindert die große Hitze. Nach gut einer halben Stunde des Wartens biegt ein Geländewagen auf die Auffahrt. Der Hahn kräht, die Hunde kläffen. Kalisch hat neben Kind und Frau auch wieder den putzigen Ameisenbär mitgebracht. Der niedliche Insektenfresser lockert die anfänglich steife Gesprächsatmosphäre. Kalisch bittet um einen weiteren Stuhl, auf den er ein weißes Handtuch legt – als samtweiche Unterlage für ein hochwertiges Aufnahmegerät, das unser Gespräch aufzeichnen soll.

Hannes Kalisch (2. v.l.) in einer Tererérunde mit v.l. Horst Martens, Ernesto Unruh und Sohn Rolando.
Hannes Kalisch (2. v.l.) in einer Tererérunde mit v.l. Horst Martens, Ernesto Unruh und Sohn Rolando. (2009) © Thomas Schmidt

Die Siedler schütteln den Kopf …

Er ist ein vorsichtiger Mensch und wird seine Gründe für seine Skepsis haben. Die weißen Siedler schütteln den Kopf und denken sich ihren Teil. Dafür applaudieren die Anthropologen und Soziologen in der Hauptstadt Asunción. Ein Kongress-Ausschuss befragte ihn schon als Sprach-Experten, ein internationales Forum lud ihn als Gastredner ein.

Den ersten Kontakt mit diesem Volk hatte Hannes Kalisch als kleiner Junge, als er mit seiner Familie aus Deutschland in den Chaco kam. Sein Vater arbeitete als Entsandtlehrer der Bundesrepublik in der Mennoniten-Siedlung Fernheim. Später, seine Familie war schon längst wieder zurück in der Heimat, leistete der Jugendliche einen freiwilligen Dienst bei der Indianer-Agentur ASCIM. Aus dem Jahr wurde ein längerer Aufenthalt. Der Gedanke, hier Wurzeln zu schlagen, muss ihn schon damals umgetrieben haben. Aber er kehrte zurück nach Deutschland: „Meine Eltern wollten ihren Sohn nicht verlieren. Nach einer Zeit mit intensiven Gesprächen haben sie aber verstanden, was mich umtrieb.“.

In Köln studierte Kalisch Sprachwissenschaft. „Nach dem dritten Semester habe ich beschlossen, ich muss zurück – und zwar jetzt oder nie mehr.“ Der Chaco hatte aus ihm einen anderen Menschen gemacht, in Deutschland fühlte er sich fremd. Sein Entschluss hatte aber weitreichende Konsequenzen: „Ich wusste, ich lasse mich auf etwas fürs Leben ein.“ Hannes Kalisch gab seine Magisterarbeit ab, und weg war er, ohne noch die anstehenden Prüfungen abzulegen.

„Ihre heutige Frau hatten Sie damals noch nicht kennen gelernt?“

„Nein, nein. Ich war schon sechs Jahre zurück, als wir geheiratet haben. Ich sage immer, das ist ein Glück, dass ich nicht gleich geheiratet habe, als ich nach Yalve Sanga kam, sonst hätten alle gedacht, ich hätte hier eine heimliche Liebe versteckt.“

Hannes Kalisch und seine Familie (2009). Foto: Thomas Schmidt

„Sie waren fasziniert von den Enlhet – oder?“

„Ich weiß nicht, ob mich etwas fasziniert hat. Ich bin in eine Beziehung zu Leuten gekommen – und die wollte ich weiterleben. Mich haben die Menschen angezogen.“

Kalisch sieht sich als Enlhet, obwohl er es nicht ausdrücklich sagt. Aber seine Lebensweise beweist es. Er hat eine Enlhet geheiratet, er hat zwei Enlhet-Kinder, spricht häufig von „Wir“ und „Uns“, wenn er über das Volk spricht.

Der Ethnologe Dr. Marin Trenk hat das Phänomen der „kulturellen Grenzgänger“ untersucht und beschreibt es in einigen seiner Abhandlungen, zum Beispiel in „Going Native – Weiße unter Indianern Nordamerikas.“ Seine Untersuchungen gelten für das 16. bis 19. Jahrhundert, sind aber auch für die Gegenwart aufschlussreich. Grenzgänger galten bei den englischen Siedlern als Abtrünnige und Verräter. Die Puritaner sahen den Kontakt mit der indianischen Kultur zumeist als eine Bedrohung ihrer moralischen Vorstellungen. Auch die wohlhabenden Mennoniten sind skeptisch.

Geschichte aus erster Hand

Das „Equipo“, so nennen sie ihr Team, zu dem auch Ernesto Unruh, Sohn Rolando und der nicht anwesende Manolo Romero gehören, will „das Eigene“, das verloren gegangen ist, wieder zum Vorschein bringen. In ihren zahlreichen Veröffentlichungen beschreiben sie, was sie vorhaben: „Strategien zur Stärkung des Enlhet“ entwickeln. „Sich auf die Wurzeln besinnen.“ Mit der Videokamera dokumentiert das „Eqiupo“ zum Beispiel Wanderungen zu historischen Orten der Enlhet. Die 80-jährigen mit ihren faltigen Gesichtern kennen noch die Vergangenheit aus erster Hand. Über ihre Erfahrungen hat sich noch nicht wie ein Schleier die Sicht der Missionare gelegt: „Die Alten waren schon geformte Personen, als die Weißen kamen“, sagt Hannes. „Deswegen können sie ganz gut nachzeichnen, was passiert ist.“

Jäger, Sammler und Kleinbauern waren sie, zogen von Ort zu Ort, um ihn zu verlassen, wenn Wasser und Nahrungsmittel knapp wurden. Und diese vergessenen Stätten des Lebens, Jagens und Feierns sollen wieder in die Erinnerung zurück geholt werden: „Das ist gar nicht so leicht. Die alten Wege sind verloren, neue sind entstanden. Und dann ist viel gerodet worden, man erkennt die Orte gar nicht mehr. Zäune verwehren uns den Zugang.“

Enlhet erzählen Kalisch ihre Geschichte. © Lanto'oy' Unruh.
Enlhet erzählen Kalisch ihre Geschichte. © Lanto’oy‘ Unruh.

Die „weiße Front“ nähert sich

Kalisch zeichnet die Geschichte nach, den Clash der Zivilisationen. Er spricht von der „weißen Front“, die immer näher kam. Ende der 20-er Jahre rollten die Ochsenkarren kanadischer Mennoniten in den mittleren Chaco. Etwas später trafen russische Mennoniten ein.

Im brutalen Chacokrieg kämpften Paraguay und Bolivien 1932 bis 1935 um das Chaco-Territorium und um angebliche Ölfelder. Von Anfang an kam es zu Morden an den Enlhet. Die Soldaten vergewaltigten die Frauen und erschossen die Männer, wenn die sich wehrten. Nicht weniger verheerend waren die Epidemien, die von den Weißen eingeschleppt wurden. „Wir schätzen, dass zwischen der Hälfte und zwei Drittel der Enlhet an den Pocken und anderen europäischen Krankheiten umgekommen sind.“

Unvermittelt – wenigstens für die Enlhet – knarrten 1947 wieder Karren-Räder, ächzten wieder Achsen. Eine Augenzeugin erzählt: „Und dann kam eine große Herde von Wagen angefahren.“ Was sich da näherte, war eine dritte Siedlergruppe russlanddeutscher Mennoniten, Flüchtlinge des 2. Weltkrieges. Sie gründeten „Neuland“ – erneut mitten auf Enlhet-Territorium. Die Neuen betrachteten sich als die rechtmäßigen Besitzer, so Kalisch: „Wir sitzen jetzt hier, sucht euch ein anderes Wasserloch, sagten sie. Sie gruben Brunnen und wollten nicht, dass die Enlhet daraus trinken. Das erzählen die Alten. Die Mennoniten erzählen das nicht.“ Die religiösen Siedler sehen es anders. Ihre Vertretung in den USA hatte das Land mit Hilfe einer internationalen Immobiliengesellschaft erworben, mit legalem Titel. Wenn überhaupt, dann hat der Staat Paraguay das Land geraubt – sagen sie heute.

Das Gebiet von Enlhet befreit

Die Ankömmlinge machten sich ganz schön breit, meint Kalisch: „Die Neuländer haben bald Zäune gezogen, so dass sich die Enlhet nicht mehr bewegen konnten. Und 1960 gründeten sie Campo Largo, um die Indianer sesshaft zu machen. In 13 Jahren, einer unglaublich kurzen Zeit, war das ganze Gebiet von Enlhet befreit.“

Die Siedlung hat dazu eine andere Meinung: Man habe sich um die Enlhet gekümmert, sagt Oberschulze Edwin Reimer, habe für sie Land reserviert. Damals habe es sich „nur“ um 600 Ureinwohner eines Stammes gehandelt. Heute müssten sich alle Siedlungen drei Mennonitenkolonien zusammen um 28.000 Indigene kümmern, um neun Stämme, die ihre angestammte Heimat verlassen haben, um im zentralen Chaco eine neue zu finden.

„Die Mennoniten haben heute fast alles Land und die Enlhet fast keines“, heißt die Replik von Kalisch. 160.000 Hektar reservierten die Mennoniten bisher für die Indianer. „Man kann diskutieren, so viel man will, das Ungleichgewicht bekommt man nicht wegdiskutiert“, bleibt Kalisch hartnäckig, denn das gesamte Siedlungsgebiet umfasst mehr als eine Million Hektar. ASCIM zeigt sich einsichtig: „Einige von ihnen haben noch nicht genügend Land, um ihre Subsistenz auf lange Sicht zu sichern“, gibt die Indianer-Institution zu, die ständig auf der Suche nach neuen Land-Reserven ist.

Die Siedler kommen allmählich ins Grübeln, der materielle Unterschied zwischen armen Indianern und wohlhabenden Weißen ist zu offensichtlich. Die mennonitischen Glaubensgenossen in Europa und den USA kritteln, Anthropologen klagen an und so einer wie Kalisch legt den Finger in die Wunde.

Noch nie einen Ameisenbär erlebt

In Campo Largo leben 860 Enlhet auf 6.000 Hektar gerodeter Fläche. „Leute, die 30 Jahre alt sind, haben vielleicht noch nie einen Ameisenbär erlebt. Mein Bruder zum Beispiel war in seinem Leben noch nie wirklich im Busch – und dass, obwohl er Enlhet ist.“ Dafür haben die jungen Enlhet die bunten virtuellen Welten, die das Satellitenfernsehen liefert, entdeckt. Währenddessen sitzen die Alten mit ihren mageren Hunden vor einem Feuerchen, über dem eine Maissuppe köchelt und trauern dem großen Verlust nach. „Die alte Frau, die uns auf eine Reise zu ihrer Heimatgegend begleitete, sagt jedesmal, wenn ich sie besuche: „Wie schlimm ist es, dass wir unser Land verloren haben!“

Die Mennoniten hingegen glauben, die Indianer gerettet zu haben. Aus ihrem Aberglauben. Aus ihrer Armut. Vor den marodierenden Soldaten. Vor Krankheiten. Vor dem Hungertod.

Hunger? Die Natur habe genug geliefert, wer etwas anderes behaupte, liege falsch. „Man muss nur mal ein Stück in eine unbesiedelte Gegend fahren, um zu sehen, wie viele Wildschweinherden über den Weg laufen. Der Chaco hat eine größere Artenvielfalt als das Amazonasbecken. Die Alten sagen: ‚Wir haben früher jeden Tag Fleisch gegessen.‘ Und es gibt keinen Grund, das zu bezweifeln.“

„Früher war alles besser? Ist das nicht bloße Nostalgie?“

„Es geht uns nicht darum, das Heil in der Vergangenheit zu suchen. Aber in der Vergangenheit hatten Sachen ihren Platz, sie waren einordenbar. Wenn wir akzeptieren, dass die Mennoniten uns gerettet haben, dann heißt das doch, dass das Heute das Beste ist, was es jemals gab. Das heißt, wir verlieren jede Möglichkeit einer Vision.“

Kämpfen mit dem Jaguar

In der Vergangenheit haben demnach viele Dinge funktioniert. Die Kindererziehung zum Beispiel. „Die Enlhet konnten mit dem Jaguar kämpfen. Ohne Feuerwaffe. Mal gewann der Enlhet, mal die Raubkatze. Diese Fertigkeit haben sie natürlich im Erzählen gelernt. Die Wissensweitergabe hat ungeheuer gut geklappt.“

Die heutige Schule, nach dem Muster der Weißen aufgebaut, versage. Kalisch erzählt von Kindern, die auch nach dem Besuch der 6. Klasse weder lesen, noch schreiben, noch Spanisch können. „Unsere Kinder lernen heute nicht mehr viel“, behauptet er. „Das europäische Schulsystem greift hier nicht, weil es zu wenig in der indianischen Gesellschaft verankert ist.“ Indianische Sprache kommt nur als bloßes Unterrichtsfach vor – sie bleibe hohl und leer. In der Schule müsse die Muttersprache „wie die Luft zum Atmen“ verwendet werden.

4.500 Kinder besuchen die Indianerschulen der ASCIM. An der Bildungspyramide klar zu erkennen: Nach der Grundschule nimmt die Zahl der Schüler rapide ab, bis zur Mittleren Reife schaffen es in einem Jahr gerade mal 100. Mit dem Abitur schließen nur 67 ab. Wir sprechen Ernesto Unruh an, der bisher schweigend dabei gesessen hat, weil das Gespräch in Deutsch geführt wurde. In der Übersetzung von Kalisch sagt er: „Die Mennoniten wollen, dass wir lernen. Aber die Enlhet hatten Wissen. Und deshalb hilft den Enlhet nicht wirklich das, was die Mennoniten wollen, dass wir lernen.“

Hip-Hop aus dem Nokia-Handy

Auf dem Fußballfeld trafen wir vor einer Woche eine Runde von Jungs. Aus ihrem Nokia-Handy ertönte Hip Hop und ihre T-Shirts trugen einschlägige Motive der internationalen Jugendkultur. Gegenüber dem Fotografen „posten“ sie, wie coole Boys auf der ganzen Welt posen. Diese jungen Leute, da sind wir uns sicher, haben kein Ohr für Lagerfeuergeschichten und historische Orte. Auch unter den Enlhet gibt es solche, die glauben, das Klügste sei, sich den Mennoniten anzuschließen, gibt Kalisch zu: „Manche gehen mit uns mit, manche nicht“, sagt er gelassen.

Jugendliche Enlhet mit den Erkennungszeichen aller Jugendlicher dieser Welt. ©Thomas Schmidt.
Jugendliche Enlhet aus Campo Largo mit den Erkennungszeichen aller Jugendlicher dieser Welt. ©Thomas Schmidt.

An der Schwesternschule in Yalve Sanga lernen 17 Mädchen, natürlich auch von anderen Stämmen. 39 Männer und Frauen besuchen die Landwirtschaftsschule. 4.500 Erwachsene nehmen an diversen Landwirtschafts-Kursen teil, erwerben Kenntnisse als Traktorfahrer, Sekretärinnen und Viehzüchter. Trotzdem behauptet Kalisch: „Es gibt zum Beispiel keine Enlhet, die als Sekretärinnen arbeiten. Auch die mit einer längeren Schulbildung sind zumeist Verkäufer oder arbeiten in Lagerräumen. Aber dafür reicht das Einmaleins, man braucht nicht zwölf Jahre Schule dafür.“

Dennoch will Kalisch nicht gegen die Schule antreten. „Das wäre auch wie ein Kampf gegen den Drachen. Wenn ich sage, die Schule funktioniert nicht, dann meine ich: Es besteht eine Notwendigkeit zum Handeln, ich spreche nicht davon, die Schule abzuschaffen.“

Die Mennoniten behaupten, bei den Indianern laufe schon im Ansatz alles falsch. Die Enlhet-Kinder seien schlecht erzogen. Oder noch schlimmer: Sie erleben keine Erziehung, werden von ihren Eltern nie gerügt und nie bestraft. Erziehung, das merken wir in unserem Gespräch, hat bei den Ureinwohnern eine ganz andere Bedeutung: „Die Leute hier strahlen so viel an Herzlichkeit aus. Und das lehren die Enlhet-Eltern ihre Kinder. Warmherzigkeit ist sehr wichtig, wichtiger als ob man lesen oder schreiben kann.“

Gegensätzliche Ideale

Zwei in sich gegensätzliche Erziehungsideale kollidieren, man hört es geradezu scheppern. Der Anthropologe Wilmar Stahl bestätigt den Antagonismus der Auffassungen: „Wir Weißen sehen die Erziehung so: Ein Mensch wird als leeres Blatt geboren und beschrieben. Die Indianer hingegen sagen: Der Mensch wird als Samenkorn geboren und entwickelt sich in seinem Leben zu dem, was er ist. Da ist keine Formbarkeit vorhanden. Erziehung ist ein Prozess, in dem ein junger Mensch beschützt wird, damit er sich zu dem entwickeln kann, was er ist.“

Mittlerweile steht die Sonne tief am Himmel. Die Gesprächsrunde löst sich auf. Thomas Schmidt, der Fotograf, drückt Ronaldo die Kamera in die Hand und ergreift den Ameisenbären. Ronaldo betätigt den Auslöser. Aus einem Radio irgendwo im Dorf erklingt paraguayische Folklore.

Suche nach einem Weg

Ihre Arbeit trägt Früchte, sie freuen sich. Das Geschichtsbewusstsein wächst: „Vor zehn Jahren haben die Enlhet immer gesagt: Früher hatten wir Hunger und die Mennoniten haben uns gerettet. Heute sagen sie: Früher hatten wir mehr zu essen als heute. Damit wird auf einmal wieder denkbar: Es gibt auch für die Enlhet eine Welt ohne Hunger.“

Es ist fast dunkel, als wir in unseren Wagen steigen. Kalisch sagt zum Abschied: „Wir wissen keinen Weg. Aber wir suchen einen Weg.“ Natürlich meint er seine mühevolle Arbeit, aber er hätte auch unseren Heimweg damit meinen können. In der Dunkelheit der Nacht verfahren wir uns hoffnungslos und kommen erst nach einer Stunde Irrfahrt in unserer Herberge an.

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